Kneipps Lehre

Die Kneipp'sche Lehre erfüllt alle Kriterien für ein klassisches Naturheilverfahren. Klassisch, weil es eine sehr lange Tradition hat, Naturheilverfahren, weil nur natürliche Mittel verwendet werden. Chemische Medikamente oder aufwendige Apparate sind nicht nötig, vielmehr kann der Patient oder Gesundheitsbewusste die Anwendungen nach einer Einweisung selber durchführen. Er muss also aktiv mitarbeiten, hat aber im Gegenzug viele Möglichkeiten, für seine eigene Gesundheit zu sorgen. Die Prävention spielt bei Kneipp eine wichtige Rolle, was er treffend formulierte:

"Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muß eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern."


Die Behandlung ist immer auf den ganzen Menschen ausgerichtet und verbindet Körper, Geist und Seele. Durch natürliche Reize sollen die Selbstheilungkräfte des Körpers aktiviert und die Abwehrkräfte gestärkt werden. Eine ausgeglichene Lebensführung mit ausreichend Bewegung und Entspannung sowie einer natürlichen Ernährung leistet ein weiteren Beitrag zu einem gesunden, glücklichen Leben.

Wasser

Die meisten Kneipp'schen Wasseranwendungen werden mit kaltem Wasser durchgeführt. Deshalb reichen schon wenige Sekunden bis Minuten, um den gewünschten Kältereiz hervorzurufen. Anschließend muss der Körper meist durch Bewegung, manchmal auch durch Bettruhe wieder erwärmt werden.

Der Kältereiz des Wassers wird von den Kälterezeptoren der Haut wahrgenommen und ans Gehirn gemeldet. Dieses ordnet zunächst ein Zusammenziehen der Blutgefäße an und schickt anschließend warmes Blut in die behandelte Körperregion. Der Trainings- und Abhärtungseffekt umfasst den Kreislauf, die Drüsensysteme, die Atmung, Muskeln, Gelenke, Haut und auch Psyche.

Von den Kneippanlagen sind Wassertreten und Armbäder die bekanntesten Wasseranwendungen. Kneipp erweiterte die Wasseranwendungen seiner Vorgänger um Güsse, die sich mit kleinen technischen Modifikationen in jeder Dusche oder Badewanne durchführen lassen. Auch Waschungen mit Essigwasser sind einfach anzuwenden und passen zum Motto "Anwendungen sind Zuwendungen."


Wechselbäder kommen bei Kneipp auch vor, sind aber selten. Das warme Wasser alleine entfaltet keine Wirkung und muss deshalb durch Zusätze wie Kräuter oder ätherische Öle angereichert werden.

Lebensordnung

Die Lebensordnung ist das übergeordnete Prinzip der Kneipp'schen Lehre, denn eine harmonische Einheit von Körper, Geist und Seele war für ihn die Voraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden.

Der Verlauf des Lebens ist vielfach nicht vorhersehbar, bietet Entwicklungschancen, erfordert aber auch Flexibilität. Als Gegenpol sind eine gewisse Ordnung und Strukturen erforderlich, die Sicherheit und Halt geben. Werte, Ziele und Vision bestimmen das Handeln und Entscheiden. Mit Achtsamkeit und Selbstfürsorge gelingt der Ausgleich zwischen Anspannung und Entspannung.

Verschiedene Entspannungsverfahren haben heute ihren festen Platz im Bereich der Lebensordnung. Auch der Umgang mit Belastungen aller Art, der Erhalt eines gesunden Selbstwertgefühls und die Suche nach Aufgaben, die Sinn stiften, haben heute eine hohe Bedeutung.

Bewegung

"In der Tat stärkt die Arbeit die Muskeln und wir können täglich die Wahrnehmung machen, daß diejenigen Menschen, welche niemals schwere Arbeit verrichten, keine Muskelkraft besitzen. Für Beamte, Büromenschen und Privatiers erachte ich Gymnastik für ein gutes Mittel."

Da es heute noch viel mehr sitzende Berufe als zu Kneipps Zeiten gibt, bekommt die Bewegung in der Freizeit einen noch größeren Stellenwert. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Ausdauersportarten wie Walking, Laufen, Wandern oder Radfahren stärken Körper und Geist und bieten oft auch Naturerlebnisse. Gymnastik, einschließlich Pilates & Co, ist immer nützlich, vor allem zur Kräftigung der Bauch- und Rückenmuskulatur für alle, die viel sitzen.
Sanfte Bewegungsübungen wie Qi Gong und Yoga verbinden Bewegung mit Elementen der Lebensordnung.

Bewegung wirkt auf den gesamten Körper. Neben stärkeren Muskeln und einem verbesserten Stoffwechsel ist auch eine höhere geistige Beweglichkeit die Folge von regelmäßiger Bewegung. Bei allem Training darf der Spaß nicht zu kurz kommen, der mit den positiven Erfahrungen Hand in Hand geht.

Kleine Bewegungseinheiten lassen sich leicht in den Alltag einbauen: Treppe statt Aufzug benutzen, zum Kollegen gehen statt ihn anzurufen, Kurzstrecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen oder Wartezeiten mit isometrischen Übungen überbrücken, sind nur einige wenige Möglichkeiten.

Heilkräuter

Schon die Ägypter kannten 1600 vor Chr. die sanfte Heilkraft der Pflanzen. Mit diesem langen Erfahrungsschatz können die vor rund 120 Jahren aufgekommenen synthetischen Mitteln nicht mithalten. Kneipp setzte auf Heilkräuter und erzielte damit große Behandlungserfolge.

Die Phytotherapie ist auch heute noch eine milde Medizin, die bei leichten Erkrankungen und Abnutzungserscheinungen gute Dienste leistet. Auch zur Vorbeugung sind Heilkräutern gut geeignet. Sie punkten oft durch eine komplexe Mischung aus mehreren Stoffen, die die Wirkung und Verträglichkeit steigern.

Ein weiterer Vorteil: Heilpflanzen sind preiswert und in Apotheken und Drogeriemärkten erhältlich. Kräuter aus dem eigenen Garten oder der Natur sind auch verwendbar, allerdings nicht so standardisiert wie die Produkte aus Vertragsanbau mit hohem KnowHow und moderner Verarbeitung. 

Heilkräuter wirken nicht so schnell wie synthetische Präparate, dafür aber langfristig und nachhaltig, wenn die Dosierung stimmt und funktionierende Regelkreise vorhanden sind, also die Selbstheilungskräfte des Körpers geweckt werden können.

In der Akut- und Notfallmedizin, bei länger anhaltenden oder neuen Symptomen sind Heilkräuter nicht angesagt. Für alle anderen Fälle sagte Kneipp:
"Der Herrgott ließ die Kräuter der Erde nicht umsonst wachsen. Er wollte, daß man sie auch gebrauchen lernt und damit die Übel und die Krankheiten in unserem Dasein verhindert, lindert und heilt."

Ernährung

War zu Kneipps Zeiten die Mangelernährung das wichtigste Thema, so sind es bei uns heute Fehl- und Überernährung. Kneipp sprach sich für Einfachheit und Mäßigkeit beim Essen aus. Schon zu seiner Zeit entstanden die ersten Zuckerfabriken, und statt dem empfehlenswerten Vollkornmehl wurde zunehmend weißes Mehl verwendet. 

Sein Rat, regionale Lebensmittel zu verwenden, erlebt gerade mit eigenen Gärten, Hochbeeten, Direktvermarktung und speziellen Marken eine willkommene Renaissance.

Vollwerternährung verbessert nicht nur die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, sondern schont auch die Umwelt. Möglichst roh verzehrtes oder schonend zubereitetes Obst und Gemüse liefern wertvolle Vitamine und Mineralstoffe.
Auch Fleisch war bei Kneipp schon ein Thema. Er hat es nicht komplett verboten, aber auch hier zu einem maßvollen Genuss geraten.

Kochsendungen sind heutzutage im Fernsehen sehr beliebt. Die Zuseher stehen danach aber selber nur selten in der eigenen Küche. Gerade aber das Kochen, das Wahrnehmen der Düfte und das gemeinsame Essen können die Stimmung und das Wohlbefinden positiv beeinflussen.

Essen ist also weit mehr als nur die Nahrungsaufnahme.

"Für mich selbst will ich Nichts weiter, als daß die durch mich Geheilten und die, welche durch meine beiden Bücher bewogen worden sind, mehr der Gesundheit gemäß zu leben und dadurch ihr Lebensglück und die Zeit ihres Verdienstes auf Erden zu verlängern, meiner zuweilen im Gebete gedenken. Das gebe Gott!"

Quelle: So sollt ihr leben!